Mit dem Rad nach Kroatien Tag 5 – Parenzana, Buje und Buzet
Reiseverlauf
Ein Morgen zwischen Meerweh und Aufbruch
Der Morgen in Umag beginnt eigentlich perfekt. Zumindest auf dem Papier. Das Hotel liegt direkt am Meer, die Sonne schiebt sich langsam über die Dächer, irgendwo klappern bereits Teller vom Frühstücksbuffet, und der Pool glitzert so friedlich, als wäre die Welt komplett in Ordnung.
Und trotzdem fühlt sich irgendetwas seltsam an.
Vielleicht liegt es am Essen vom Vorabend, das eher nach Kantine als nach kroatischer Küstenromantik geschmeckt hat. Vielleicht daran, dass mich das Meer zwar beruhigt, aber niemals lange festhalten kann. Es zieht mich weiter. Immer weiter. Weg von den Liegestühlen, weg vom Hotelkomfort, hinein in dieses leicht chaotische Abenteuergefühl, das irgendwo zwischen Vorfreude und Unsicherheit lebt.
Heute wartet die Parenzana.
Allein der Name klingt schon nach staubigen Wegen, alten Geschichten und endlosen Ausblicken. Eine ehemalige Eisenbahnstrecke, die heute Radfahrer durch Istrien führt. Durch Tunnel. Über Viadukte. Vorbei an Dörfern, die aussehen, als hätte dort jemand irgendwann einfach beschlossen, die Zeit anzuhalten.
Als ich die ersten Meter rolle, fühlen sich die Beine noch schwer an. Mein Körper scheint noch mit dem Bett zu diskutieren. Doch schon nach wenigen Pedalumdrehungen kommt dieses vertraute Gefühl zurück.
Der Kopf wird leiser.
Die Gedanken sortieren sich.
Und plötzlich zählt nur noch der Weg vor mir.
Staubige Wege und Tunnel voller Nervenkitzel
Der Einstieg auf die Parenzana fühlt sich sofort richtig an. Kein Asphalt. Kein Verkehr. Stattdessen Schotter, feiner Staub und dieser typische Crunch unter den Reifen, den wahrscheinlich nur Menschen lieben, die freiwillig mit Muskelkraft Berge hochfahren.
Rechts fällt das Gelände tief ins grüne Tal ab. Links ziehen sich Hügelketten durch die Landschaft, als hätten sie jemand mit einem breiten Pinsel gemalt. Der Herbst legt einen warmen Schleier über alles. Die Luft riecht nach trockener Erde, nach Wald und nach dieser Mischung aus Sonne und Stein, die man nur im Süden findet.
Immer wieder tauchen alte Tunnel auf.
Manche sind beleuchtet. Andere wirken so schwarz, als würden sie jedes Licht einfach verschlucken. Mein Vorderlicht hat ungefähr die Leuchtkraft einer traurigen Geburtstagskerze, weshalb jeder Tunnel ein kleines Glücksspiel wird.
Ich rolle hinein.
Sofort wird es kühl. Die Reifen rauschen über den feuchten Boden. Wasser tropft irgendwo von der Decke. Für einen Moment sehe ich absolut nichts mehr und denke nur:
„Wenn hier jetzt eine Kurve kommt, fahre ich direkt nach Slowenien zurück.“
Aber irgendwie funktioniert es immer.
Vielleicht ist genau das Reisen. Nicht alles kontrollieren können und trotzdem weiterfahren.
Nach jedem Tunnel blendet mich das Sonnenlicht erneut, und jedes Mal fühlt es sich an, als würde die Landschaft kurz applaudieren.
Kroatien
Kroatien
Auf der Parenzana
Kroatien
Eine Begegnung, die sich wie Zufall anfühlt
Mitten auf der Strecke passiert etwas, das mich ehrlich lachen lässt.
Gestern an der Grenze habe ich eine Wanderin getroffen. Sie zu Fuß, ich mit dem Rad. Ein kurzes Gespräch, ein freundliches Lächeln, dann ging jeder seines Weges.
Und jetzt steht sie plötzlich wieder vor mir.
Mitten auf der Parenzana.
Ich starre erst sie an, dann mein Navi. Das Navi wirkt unschuldig. Offenbar bin ich diesmal tatsächlich richtig gefahren.
Wir lachen beide sofort.
Es fühlt sich an, als hätte die Strecke beschlossen, Menschen wieder zusammenzuführen, egal wie unterschiedlich ihre Reisegeschwindigkeit ist. Für eine Weile fahren und laufen wir gemeinsam weiter. Wir reden über Kroatien, über spontane Reisen, über schlechte Hotelessen und darüber, wie merkwürdig schön es ist, unterwegs niemandem etwas beweisen zu müssen.
Diese Gespräche entstehen nur auf Reisen.
Kurz. Ehrlich. Leicht.
Und genau deshalb bleiben sie hängen.
Der Weg zieht sich ruhig durch Wälder und kleine Lichtungen. Zikaden zirpen irgendwo in den Bäumen. Der Wind trägt den Duft von trockenen Kräutern herüber. Immer wieder begegnen uns andere Menschen auf Rädern. Ein kurzes Nicken genügt. Mehr braucht es manchmal nicht.
Irgendwann erreichen wir gemeinsam Buje.
Buje – ein Dorf wie aus einer anderen Zeit
Buje liegt auf einem Hügel, als würde das Dorf die Landschaft beobachten wollen.
Schon die Auffahrt fühlt sich an wie eine kleine Zeitreise. Enge Gassen ziehen sich zwischen alten Steinhäusern hindurch. Fensterläden knarren im Wind. Über kleinen Türen hängen Blumen, und irgendwo schlägt eine Kirchenglocke gegen die warme Herbstluft.
Wir setzen uns in ein kleines Café.
Einfach kurz sitzen. Wasser trinken. Durchatmen.
Es sind diese Momente, die auf keiner Karte stehen. Nicht spektakulär. Nicht laut. Aber genau die Augenblicke, die später plötzlich als Erstes wieder auftauchen.
In der Nähe eines alten Turms steht ein älterer Mann, der offenbar nur darauf wartet, jemanden mit Geschichten zu versorgen. Kaum nähern wir uns, beginnt er zu erzählen.
Mit leuchtenden Augen spricht er über die alte Bahnstrecke. Über Zeiten, in denen hier noch Züge gefahren sind. Über Familien, Kriege, Veränderungen und darüber, wie wichtig die Parenzana früher gewesen ist.
Seine Hände zeichnen die Geschichten förmlich in die Luft.
Ich verstehe nicht jedes Wort perfekt. Aber das spielt keine Rolle. Manche Menschen erzählen nicht nur mit Sprache, sondern mit Haltung, Blicken und Begeisterung.
Und plötzlich fühlt sich dieser Ort nicht mehr wie ein Zwischenstopp an, sondern wie ein kleines Fenster in eine andere Zeit.
Irgendwann verabschieden wir uns wieder.
„Vielleicht sehen wir uns morgen erneut.“
Wir lachen beide darüber.
Aber nach dieser Reise würde mich eigentlich nichts mehr überraschen.
Die Parenzana zeigt plötzlich ihre Zähne
Anfangs fühlt sich die Strecke fast leicht an.
Viele entgegenkommende Fahrer kämpfen sich bergauf, während ich entspannt bergab rolle. Ich genieße jede Kurve ein bisschen zu sehr und entwickle kurz die gefährliche Illusion, heute würde alles locker bleiben.
Ein klassischer Anfängerfehler.
Denn irgendwann taucht Buzet am Horizont auf. Hoch oben. Wirklich hoch oben.
Und sofort ist klar:
Da muss ich noch rauf.
Die nächsten Kilometer werden zu einer Mischung aus Fluchen, Schwitzen und Verhandlungen mit mir selbst. Die Sonne steht inzwischen tief und warm über den Hügeln, aber meine Beine interessieren sich herzlich wenig für romantisches Abendlicht.
600 Höhenmeter fühlen sich irgendwann nicht mehr wie Zahlen an, sondern wie Charakterbildung.
Ich schiebe kurz.
Ich fluche länger.
Ich verspreche meinem Fahrrad mehrfach den Verkauf.
Doch gleichzeitig liegt genau darin dieses seltsame Glück verborgen.
Denn jeder Meter bergauf macht alles intensiver. Den Wind. Die Aussicht. Die Erschöpfung. Das Gefühl, wirklich unterwegs zu sein.
Irgendwann erreiche ich tatsächlich Buzet.
Völlig verschwitzt.
Aber glücklich.
Mit dem Rad nach Kroation
Blumenkohlsuppe, Müdigkeit und dieser stille Triumph
Buzet wirkt ruhig. Fast schläfrig.
Die kleinen Gassen sind leer, irgendwo klappert Geschirr aus einem offenen Fenster, und über den Dächern färbt sich der Himmel langsam orange.
Ich finde ein Café, das gleichzeitig Restaurant und Cocktailbar ist. In kleineren Orten scheint man sich einfach nicht entscheiden zu wollen, was man genau sein möchte – und genau das macht solche Plätze sympathisch.
Ich bestelle einen Kaffee und sitze einfach da.
Kein Handy.
Keine Musik.
Nur dieser Blick über die Landschaft.
Die Müdigkeit zieht langsam durch meinen Körper wie schwerer Nebel. Aber gleichzeitig kommt diese tiefe Zufriedenheit dazu. Dieses Gefühl, sich den Tag wirklich verdient zu haben.
Am Abend wird die kulinarische Auswahl… überschaubar.
Genau ein Restaurant hat geöffnet.
Die Speisekarte klingt ungefähr so aufregend wie ein Behördenschreiben, und am Ende lande ich bei einer Blumenkohlsuppe.
Nicht gerade der große kulinarische Traum eines langen Reisetages.
Aber während ich dort sitze, die warme Suppe esse und draußen langsam die Nacht über die Hügel fällt, fühlt sich selbst diese einfache Mahlzeit plötzlich richtig an.
Vielleicht geht es beim Reisen genau darum.
Nicht darum, dass alles perfekt ist.
Sondern darum, dass selbst die schrägen, anstrengenden und leicht absurden Momente irgendwann Teil einer Geschichte werden, die man nie wieder vergisst.
Und irgendwo zwischen Umag, staubigen Tunneln und einer überraschend emotionalen Blumenkohlsuppe merke ich:
Die Parenzana ist nicht einfach nur ein Weg.
Sie ist ein Gefühl.







