Mit dem Rad nach Kroatien Tag 1: Himmel & Hölle bis Bled (glühende Bremsen)
Reiseverlauf
Wenn der Start schon alles durcheinanderbringt
Es gibt Tage, da weiß ich nach wenigen Minuten: Heute läuft nichts nach Plan.
Ich rolle los, voller Energie, voller Vorfreude – und dann übernimmt mein Navi die Regie. Allerdings nicht im Sinne von „perfekte Route“, sondern eher wie ein Künstler auf Abwegen. Ich lande irgendwo im Nirgendwo, zwischen Wald, Schotter und diesem leisen Gefühl: Das kann nicht richtig sein.
Mein Navi behauptet stoisch das Gegenteil.
Ich stehe da, mitten im Wald, schaue auf das Display und muss lachen. Genau diese Art von Lachen, die irgendwo zwischen Verzweiflung und Abenteuerlust liegt. Also gut. Dann eben so.
Ich trete wieder in die Pedale.
Der Anstieg, der mir alles abverlangt
Was harmlos beginnt, wird schnell ernst. Der Weg zieht an. Erst leicht. Dann spürbar. Dann brutal.
So brutal, dass meine Beine irgendwann nicht mehr diskutieren wollen.
Ich fahre, atme schwer, merke, wie mein Puls durch den Körper hämmert. Der Schotter unter mir wird lose, das Vorderrad tanzt leicht. Jeder Meter fühlt sich verdient an. Und mit jedem Höhenmeter kommt diese eine Frage immer wieder:
Warum tue ich mir das an?
Bei etwa 1200 Metern bin ich durch. Komplett. Ich schwitze, friere gleichzeitig, meine Kräfte schwinden. Bis 1600 Meter kämpfe ich mich noch irgendwie hoch – dann ist Schluss.
Ich steige ab.
Ich schiebe.
Und jeder Schritt fühlt sich schwerer an als der vorherige.
Zwischen Zweifel und Schönheit
Und dann passiert etwas, das ich nie planen kann.
Ich bleibe stehen. Einfach, weil ich nicht mehr kann.
Und als ich mich umdrehe, sehe ich es.
Diese Aussicht – wunderschön.
Berge, die sich in die Ferne ziehen. Wälder, die wie ein grüner Teppich unter mir liegen. Dazwischen Licht, Wolken, Weite. Alles wirkt plötzlich ruhig. Fast surreal.
Der Schmerz ist noch da. Aber er tritt in den Hintergrund.
Für einen Moment zählt nur das Hier und Jetzt.
Und genau dafür bin ich unterwegs.
Österreich
Villach in den Bergen
Österreich
Richtung Slowenien
Österreich
Villach / Bled
Der Gipfel – erschöpft, aber glücklich
Nach einer gefühlten Ewigkeit erreiche ich oben den Punkt, auf den ich hingearbeitet habe.
Kein großes Schild. Kein Applaus.
Nur ich. Mein Rad. Und diese unbeschreibliche Erleichterung.
Ich reiße die Arme hoch, obwohl mir eigentlich nicht danach ist. Aber genau das gehört dazu. Dieses Gefühl, etwas geschafft zu haben, das vor einer Stunde noch unmöglich schien.
Ich sitze kurz da, trinke den letzten Schluck Wasser – und weiß: Jetzt kommt der Teil, der eigentlich leicht sein sollte.
Einfach Bergab.
Abfahrt mit Nervenkitzel
Die ersten Meter bestätigen meine Hoffnung. Dann ändert sich alles.
Der Weg ist ruppig. Steinig. Unberechenbar.
Rechts neben mir: nichts als Tiefe.
Ich halte den Lenker fest, konzentriere mich, bremse. Viel. Zu viel.
Und dann passiert es.
Dieser Geruch nach verbrannten Plastik.
Dieses leise Nachlassen der Bremsen.
Meine hintere Bremse verabschiedet sich gerade langsam.
Ich halte an, fasse sie vorsichtig an – Fehler. Die Hitze ist brutal. Mein Finger verbrant und die Bremse glüht.
Aber wie soll ich die Bremse jetzt kühlen? Zum Glück, neben mir ein Bach. Meine Rettung.
Ich kippe vorsichtig Wasser darüber. Es zischt, es dampft, als hätte ich eine heiße Pfanne abgekühlt. Ich muss lachen. Natürlich. Was auch sonst?
Vielleicht hilft es ein bisschen.
Aber ich weiß: Das wird noch spannend.
Gesperrte Wege und falsche Entscheidungen
Kurz darauf stehe ich vor einer Absperrung „Road closed.“
und ein Bauarbeiter winkt mir entgegen, er erklärt mir, dass ich hier nicht weiter kann.
Der spinnt wohl, ich fahre nicht wieder zurück, dann übernachte ich im Wald.
Ich nicke verständnisvoll. Sage freundlich: „Sorry, I don’t understand english.“
Und fahre weiter. Ob das glauubwürdig war?
Manchmal ist Ignoranz die einfachste Lösung.
Ein paar Minuten später weiß ich, warum gesperrt wurde. Lose Erde, gefällte Bäume, Spuren von Erdrutschen. Der Weg wirkt alles andere als sicher.
Und ich mittendrin. Natürlich.
Ich trete schneller, als ob es helfen würde und sicherer ist.
Aber ich komme schneller voran. Vielleicht nicht klug. Aber effektiv.
Durst, der alles bestimmt
Irgendwann wird mir klar: Mein größtes Problem ist nicht die Strecke. Es ist der Durst.
Mein Wasser ist leer. Komplett. Ein Teil davon ging auf die Bremsen.
Was ich noch habe, ist das Bachwasser auch für die Bremsen.
Aber ich sehe in der Ferne eine Raststätte. Mich trennen nur vier Spuren Autobahn davon. Ich überlege kurz. Schnell mit dem Rad rüber? Soll ich?
Aber die Vernunft siegt, ich entscheide mich dagegen.
Durstig, ja. Lebensmüde, nein.
Ein paar Kilometer später erreiche ich ein kleines Dorf. Ein Café. Mein persönliches Paradies.
Ich bestelle einen Latte Macchiato und einen frisch gepressten Mandarinen-Saft.
Und ich schwöre: Noch nie hat etwas so gut geschmeckt.
Ich sitze da, schaue ins Tal, spüre, wie mein Körper langsam wieder ankommt.
Und denke: Genau dafür.
Ankommen in Bled – und doch noch nicht am Ziel
Mein Ziel heute ist Bled. Schon vom Weitem sehe ich es.
Dieser See, den man eigentlich nur von Bildern kennt. Türkisblau, eingerahmt von Bergen, mit dieser kleinen Insel in der Mitte.
Und als ich ankomme, ist es genauso.
Vielleicht sogar noch viel schöner.
Ich freue mich auf das Hotel. Auf Essen. Auf Ruhe.
Und dann: „Heute Ruhetag.“
Natürlich.
Ich stehe da, starre auf das Schild und kann nur lachen.
Der Besitzer erklärt mir, dass es am See Restaurants gibt.
Also gehe ich los.
5,5 Kilometer später – mit Hunger, der sich inzwischen wie ein eigener Charakter anfühlt – erreiche ich die ersten Buden.
Ich bestelle einen Burger.
Nicht, weil ich ihn will. Sondern weil es nichts anderes gibt.
Er ist… sagen wir: funktional.
Aber ich esse.
Und in diesem Moment ist es egal.
Mit dem Rad nach Kroatien
Besonderheit des Tages
Was am Ende wirklich bleibt
Später laufe ich im Dunkeln zurück.
Müde. Durchgeschüttelt. Komplett leer.
Und gleichzeitig erfüllt.
Dieser Tag war kein perfekter Tag.
Er war chaotisch. Anstrengend. Teilweise einfach nur absurd.
Aber genau deshalb bleibt er.
Ich habe Grenzen gespürt. Meine eigenen.
Und gemerkt, dass sie oft nur so lange existieren, bis ich entscheide, weiterzugehen.
Manchmal reicht ein Latte Macchiato, um alles wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Manchmal reicht ein Blick zurück, um zu verstehen, warum man losgefahren ist.
Und manchmal sind es genau die Tage, die schiefgehen, die am Ende die besten Geschichten erzählen.







